Zwei Vegetarier im Schlachthaus

Zwei Vegetarier im Schlachthaus

Gastbeitrag von www.herumtigern.com


Heute soll es um eine krasse Erfahrung gehen, die ich zusammen mit Lioba erlebt habe. Wir befinden uns derzeit in Australien und machen dort einen Housesit in der Nähe von Brisbane und der Sunshine Coast.  Trotz der Angst vor dem Buschfeuer, welches hier auch ab und zu ausbricht, ist es eine mega tolle Zeit. Wir erkunden die Gegend, gehen oft ans Meer zum Surfen und genießen hier unsere Zeit.


Da wir ein Working Holiday Visum haben und nicht immer nur Geld ausgeben können, haben wir uns auch bei ein paar Jobs beworben und zwischendurch schon kleinere Projekte gemacht. Wir sind jetzt übrigens auch Ghostwrtiter aber pssst! :D


Kurz vor Weihnachten haben wir dann eine Anzeige gesehen:


Entry-Level Beef Processor Afternoon Shift Pay 27,68 AUD p.h. + Shift penalties


Erst konnten wir uns überhaupt nicht vorstellen, was man denn darunter verstehen kann. Der Verdienst hat uns aber auf jeden Fall „angesprochen“. Wir haben das kurz überschlagen und festgestellt, dass man nach Steuer knapp unter 3.000 EUR im Monat aufs Konto überwiesen bekommen würde. Das hört sich absolut nicht schlecht an!


Und da haben wir uns einfach mal beworben und wollten abwarten was so passiert. Selbstverständlich hatten wir schon ein paar Bedenken, da uns klar war, dass der Job definitiv mit Tieren zu tun hätte. Für uns persönlich natürlich ethisch und moralisch kein leichten Pflaster. Doch eine Sache war klar, es wäre bestimmt super interessant so eine Anlage mal zu sehen und eine Erfahrung fürs Leben.


Es vergingen ein paar Tage und wir feierten Silvester in Brisbane. Manch einer lässt das Jahr Revue passieren und auch wir stellten fest, dass wir uns als Vegetarier sehr wohl fühlten. Nach dem Essen waren wir nicht mehr so unglaublich voll und wir fühlten uns grundsätzlich ein wenig fitter. Das kann aber auch mit unserem Lebenswandel zusammenhängen.


Auf Youtube gibt es ja die ein oder andere 30 Tage Vegan Challenge und wir dachten uns, dass wir das eventuell auch mal probieren könnten. Wir sind sehr offen für alles und wollen auch niemanden in eine Richtung drängen. Aber ausprobieren kann man es ja, wir sehen keinen Nachteil darin.


Noch einmal ein paar Tage später bekam ich dann eine SMS: Please call us: XXXXXX Your XXXX Recruiting Team.


Okay, ich rief an und hatte eine nette Konversation und schon am nächsten Tag sollten wir zu einem Vorstellungsgespräch gehen.


Gesagt, getan. Wir fuhren 60 Minuten ins Landesinnere und entdeckten die ersten Dörfchen, die genau so aussahen, wie wir uns Australien eigentlich vorgestellt hatten. Im Hintergrund war ein Nationalpark, der sich über mehrere Kilometer erstreckte und ein schönes Panorama abgab.


Wir kamen der Fabrik immer näher und als wir auf den Parkplatz fuhren wollte Lioba am Liebsten im Auto bleiben, da sie vor dem Eingang nur Männer gesehen hatte. Doch als wir uns der Gruppe näherten, die offensichtlich ebenfalls zu einem Bewerbungsgespräch da war, sahen wir auch ein paar Frauen bzw. Mädchen und Lioba war erleichtert.


Der Geruch von Fleisch lag in der Luft und an uns fuhren schon die ersten Tiertransporter vorbei. Eine Fabrikhalle erstreckte sich über 30 Meter in die Höhe und am Rand waren mehrere Gastanks zu sehen, deren Leitungen in das Gebäude reichten.


Wir durften kurz Platz nehmen und wurden dann zum Trainingszentrum gebracht. Im Raucherbereich saßen zwei Männer mit Gummistiefeln und weißen Anzügen, die mit Blut vollgespritzt waren.

Sie musterten uns und unsere 11 weiteren Bewerber und lachten hämisch.


In der nächsten Stunde wurde uns dann die Unternehmensgeschichte erläutert und die einzelnen Jobs vorgestellt, für die wir da waren.
„Es kommt drauf an, für welchen Bereich ihr euch interessiert. Wenn ihr z.B. nachts putzen wollt, dann bekommt ihr mehr Geld aber es ist auch etwas messy. Also es darf euch nicht stören, wenn überall Blut und das Fett der Tiere rumliegt.“


Ich musste das erste mal schlucken.
„Im Kill Floor gibt es aber auch andere Jobs, z.B. Organe wie Leber oder Herzen sortieren oder diverse Fleischstücke nochmals weiterverarbeiten.“


Und da musste ich das zweite mal schlucken und schielte zu Lioba rüber. Wie empfand sie das gerade?


„Keine Sorgen, töten muss hier niemand ein Tier. Dafür muss man qualifiziert sein.“


Kurze Pause


„Es gibt aber viele verschiedene Jobs. Bei uns arbeiten in einer Halle teilweise 300 Menschen. Da müssen auch Rinderhälften hin und her geschoben werden oder an der Maschine gearbeitet werden. Wir brauchen aber auch Leute, die Scannen oder Paletten hin und her schieben“


Meine Fresse, was hatte ich mir eigentlich unter diesem Job vorgestellt?! Das hört sich ja richtig krass an. Wie kamen wir auf die Idee, dass wir uns hier überhaupt nur drauf bewerben, selbst wenn da keine richtige Absicht dahintersteckt?


Nach einem kleinen Fitnesstest bei einem Physiotherapeuten, um unsere körperliche Eignung für diverse Berufe festzustellen, ging es dann zur Führung. Wir zogen alle unsere zugeteilten Gummistiefel, Haarnetze, einen Kittel und Mundschutz an und folgten dem Recruiter.


Bei 35 Grad Außentemperatur kam man in voller Montur auch schnell ins Schwitzen. Es roch nach Fleisch und auf dem Gelände sahen wir überall Schilder, die vor Schlangen warnten. Es ging über eine Treppe dann in die erste Halle und der allgemeine Geruch von Fleisch wurde von einer Art gebratenem Hackfleisch überdeckt, aber leider nicht auf eine positive Weise.


Versteht mich nicht falsch, wenn wir an einem Burgerrestaurant vorbeilaufen und es nach Burger riecht, dann bekomme ich auch Hunger, aber hier war noch eine kleine Note Verwesung mit dabei.


Wir liefen auf eine Rampe und auf der rechten Seite, konnte wir ein paar Transporter und Schächte sehen. Die Schächte hatten oben aufliegend ein paar Gitter, an denen noch Fleischreste dranklebten und die durch die Sonneneinstrahlung wahrscheinlich „gebraten“ wurden und diesen Duft produzierten.


Die erste Halle, an der wir vorbeiliefen wurde auf Stelzen gebaut und die Tiere offensichtlich davor verarbeitet, da auf dem Boden Därme und eine unglaublich große Menge Blut lag. Es arbeiteten ein paar Menschen unter einer Produktionslinie und diese waren komplett mit Tierblut überströmt.


Wir liefen weiter in eine Halle und mussten aufgrund der Sicherheitsbestimmungen unsere Hände waschen und mit den Stiefeln durch ein Wasserbad laufen.
Der Recruiter zeigte uns dann eine Halle, in der die fertig portionierten Fleischstücke auf Fließbändern transportiert und sortiert wurden. Es sah sehr steril aus und kein Blut war mehr zu sehen. Die Fabrik produziert anscheinend auch Fleisch für McDoof und das australische BK. Fleisch war hier einfach eine Ware, wie in anderen Fabriken auch. Die Stücke wurden bearbeitet und verpackt, die Menschen arbeiteten im Akkord. Dieser Anblick entsprach in etwa dem, den man sieht, wenn man beim Metzger ist. Das war schon eher zu ertragen, doch das Schlimmste sollte noch folgen.


Über das Gelände ging es dann weiter zum Kill Floor. Das war dann auch das Gebäude, wo der unglaubliche Gestank von zuvor herkam und die Gedärme auf dem Boden zu sehen waren.


Wir liefen wieder über eine Treppe und eine Rampe und direkt neben uns verlief einer der Schächte, wo das Fleisch noch oben an den Gittern klebte und in der australischen Sonne vorgebraten wurde. Nach der ersten Pforte mussten wir alle wieder unsere Hände und Stiefel waschen.


Wir liefen um die Ecke und konnten das Massaker mit eigenen Augen betrachten. Rechts hingen an einer Fertigungslinie mehrere Rinder von der Decke. Im Akkord wurden ihnen die Füße mit einer Maschine abgetrennt. Der nächste Mitarbeiter schnitt dann mit einer Maschine den Bauch auf, damit im folgenden Schritt die Därme herausgezogen werden konnten.
Auf den Boden tropfte literweise Blut und wir standen mit unseren Gummistiefeln mittendrin und betrachteten den Fertigungsprozess. Die Rinder hingen mit einer Spannweite von ca. 4 Metern an der Decke und ließen ihre Zunge aus dem Mund hängen. Ein indonesischer Mitarbeiter schaute zu einem Mädchen aus unserer Gruppe und wetzte seine Klingen. Er hatte offenbar einen Galgenhumor. Ich sah noch das sogenannte „Aftermath“ eines Rindes, welches zuckte und versuchte dann meinen Blick davon abzuwenden und sah weiter durch die Halle. Direkt vor mir wurden an einer Karusselmaschine die Haut von den Rinderköpfen gezogen. Der Körper war bereits abgetrennt und die Augen inmitten des fleischigen Schädels schienen in unsere Richtung zu schauen. Die meisten Männer trugen weiße T-Shirts, die mit Blut bespritzt waren. Sie hatten teilweise Kettenhemden an und hantierten mit ihren scharfen Messern im Akkord. Umso weiter man nach links sah, desto verarbeiteter waren die Rinder bereits. An einer Stange hingen die langen Rinderzungen und wir konnten einen Mitarbeiter sehen, der die Augen aus dem Gesicht entfernte. Die fertigen Rinderhälften gingen in die nächste Halle und in Boxen wurden offensichtlich die verwertbaren Organe gesammelt und sortiert. Das war auch der Job, von dem die eine Mitarbeiterin vorhin gesprochen hatte.


Nach ein paar Minuten gingen wir dann gemeinsam raus und wuschen unsere Hände. Ich war ganz ruhig und wusste wirklich nicht was ich sagen soll. Hätte ich jemals Fleisch gegessen, wenn ich das zuvor gesehen hätte? War ich so naiv zu glauben, dass der Herstellungsprozess schön wäre?


Vor ein paar Minuten hatten die Rinder noch gelebt und jetzt zogen die Mitarbeiter in der Halle die Haut von vom Schädel und zogen alle Gedärme aus dem noch warmen Körper.


Für uns war das definitiv eine krasse Erfahrung und es war uns eigentlich gleich klar, dass wir dort niemals arbeiten könnten. Für manch einen mag das kein Problem sein und das ist auch okay. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Unserer Meinung nach, sollte das trotzdem jeder mal gesehen haben, um danach entscheiden zu können, ob man Fleisch konsumieren möchte oder nicht.


Denn könnte man das alles tatsächlich selber tun?
 


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